HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt. 
Psalm 26,8

Die Petrus-Kirche wurde 1905-1907 als Garnisonkirche für die kaiserliche Marine in Kiel gebaut, als in der Wik große Kasernenanlagen entstanden und die Garnisonkirche am Niemannsweg für die steigende Zahl der Marineangehörigen nicht mehr ausreichte.
Die Petrus-Kirche, entworfen von den damals renommierten Karlsruher Architekten Robert Curjel und Karl Moser, ist eine der größten und bedeutendsten Jugendstilkirchen in Deutschland. Sie ist aus städtebaulichen Gründen von Süden nach Norden ausgerichtet.

Die mehrteilige Baugruppe wird durch die Südfassade der Kirche beherrscht, die über den Konfirmandensaal im Westen mit dem Pastorat und über den Arkadengang im Osten mit dem Verwaltungsgebäude verbunden ist. Wegen der hervorragenden Akustik durch den offenen Dachstuhl und die Holzbalkenkonstruktion wird die Kirche nicht nur für gemeindliche Gottesdienste genutzt, sondern auch für Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen.

Seit dem 13.3.2016 dient die Petrus-Kirche der Apostel Kirchengemeinde als Gemeindekirche. Es finden, nach fast 40 Jahren Pause, wieder regelmäßig sonntags um 10:30 Uhr Gottesdienste statt, sowie viele andere Gemeindeaktivitäten. Nach dem Gottesdienst lädt die Gemeinde in der Regel zum Kirchkaffee und zum Verweilen und zum Plaudern ein. 

Die Öffnungszeiten der Petrus-Kirche für Besichtigungen sind an folgenden Terminen:

  • Jeden Sonntag von ca. 9:30 bis ca. 15 Uhr im Rahmen des Gottesdienstes
  • Im Rahmen von Konzerten und Veranstaltungen
  • Der Tag der offenen Tür entfällt aktuell aus Kapazitätsgründen

HISTORISCHES UND ARCHITEKTUR

Jahrestafel und Geschichte der Kirche

Daten in der Geschichte des Gebäudes Petrus-Kirche

  • 1905/07  Bau der evangelischen Garnisonkirche, Petrus-Kirche1907/09  Bau von Pastorat, Konfirmandensaal, Verwaltungsgebäude1939  Neuer Altar von Otto Flath1944  Kriegszerstörungen des Daches über Langhaus und Chor1949  Wiederherstellung, ab jetzt auch von den Wiker Zivilgemeinden genutzt1980  Eintragung in das Denkmalbuch als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“1981  Fertigstellung der St. Lukas-Kirche als Kirche für die Wiker Kirchengemeinden1984  Gründung des Fördervereins für die Petrus-Kirche Kiel-Wik e.V.1985  Der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Kiel kauft die Kirche als Veranstaltungssaal für Konzerte, Vorträge und kirchliche Veranstaltungen2015/2016 umfangreiche Umbauarbeiten, Neudeckung des Daches, neue Heizung2016 Feierliche Wiedereröffnung am 13.3.: Die Apostel Kirchengemeinde bezieht ihr neues Zuhause2017 Das Gemeindehaus in der Adalbertstr. wird wieder zu Gemeinderäumlichkeiten und erfährt dafür einige Umbauten.

Ablauf der Geschichte

Kurz nachdem Kiel zum Reichskriegshafen erhoben worden war, wurde auf einem Hügel über dem Niemannsweg die erste Garnisonskirche, die Pauluskirche, 1878-82 erbaut. Die beständig anwachsende Kaiserliche Marine machte den Bau weiterer Kirchen für die Angehörigen der Marine nötig, um zugleich Probleme mit der alten Garnisonskirche als Simultankirche zu lösen. So wurde eine neue größere Kirche 1905-07 in der Wik, die Petruskirche, für die evangelischen Militärangehörigen errichtet, und bald darauf entstand unweit dieser an der Feldstraße die katholische St. Heinrichkirche. Großadmiral Alfred von Tirpitz, „Vater“ der Flottengesetze, gab als Staatssekretär im Reichsmarineamt den Auftrag zum Bau der beiden Kirchen, nachdem das Reichsschatzamt aus Geldmangel die Mittel zunächst nicht bereitstellen wollte. Die Gesamtkosten für die Petruskirche wurden auf 300.000 Mark veranschlagt, aber um fast 100.000 Mark überschritten.

Für den Bau der evangelischen Kirche bestimmte Tirpitz das erfolgreiche und im Sakralbau ausgewiesene Karlsruher Architektenbüro der beiden gebürtigen Schweizer Karl Moser und Robert Curjel. Seine interessierte Teilnahme ging so weit, dass er von den Architekten forderte, eine „Baugruppe“ – aus Kirche, Konfirmandensaal, Pfarrhaus und Verwaltungsgebäude – zu entwerfen, die in Backstein in „dort heimischen Bauformen“ mit besonders großen Steinen in Klosterformat errichtet werden sollte.

Auf Anregung des Garnisons-Bauinspektors Adalbert von Kelm ordnete Tirpitz auch an, die Kirche zur Verbesserung der städtebaulichen Wirkung entgegen den sonst üblichen Regeln nicht zu osten, sondern zu norden. So entgeht der hohe mächtige Turm der Einengung durch die gegenüberliegende hohe geschlossene Häuserzeile auf der Westseite der „zivilen“ Adalbertstraße und richtet sich zur Stadt hin, nach Süden aus. 1944 durch Bomben teilweise zerstört, konnte die Petruskirche vor allem durch Spenden der amerikanischen Sektion des Lutherischen Weltbundes 1949 innerhalb von zwei Monaten wieder aufgebaut werden.

Quelle: Faltblatt zum Tag des offenen Denkmals 1997
Herausgeber: Landeshauptstadt Kiel, Der Oberbürgermeister, Kulturamt, Untere Denkmalschutzbehörde

Über die Zerstörung der Petruskirche berichtet der damalige Marine-Dekan Sontag:
Die evangelische Petruskirche, die damalige Garnisonkirche in der Wik erhielt ihre ersten größeren Schäden in der Nacht vom 23. zum 24. Juli 1944 bei einem Nachtangriff, der weitaus der Schwerste war, den Kiel bis dahin erlebt hatte. Von Elmschenhagen bis nach Friedrichsort reichte das Abwurfgebiet. Ich kam am Montag in der Frühe von einer Dienstreise zurück. Alle Straßen, durch die ich vom Bahnhof aus ging, sahen wüst aus. Oft nur mit Umwegen wegen der Trümmer kam ich vorwärts. Die katholische Garnisonkirche und das zugehörige Pfarrhaus an der Feldstraße waren sehr beschädigt. In der Wik im engeren Bereich der Petruskirche war u.a. das Chefarzthaus von einem Volltreffer zerstört und war nur noch ein Trümmerhaufen. Ich kam nicht weiter und mußte durch eines der Beamtenhäuser und durch das Lazarettgelände über den Kirchplatz den Zugang zur Kirche und zum Pfarrhaus gewinnen.

In der Kirche waren die Fenster fast alle zerstört, vor allem die mit den Schiffswappen. Das Dach hatte gelitten. Ob das Mauerwerk in Mitleidenschaft gezogen war, konnte ich natürlich nicht feststellen. Durch den Garten kam ich in das Pfarrhaus, das ausserrordentlich stark gelitten hatte. Mein erster Eindruck war geradezu niederschmetternd.

Die Fenster waren zerstört, das Dach wies große Lücken auf. Der vordere Zugang war zwar begehbar, aber vor dem Haus befand sich ein großer Sprengtrichter von einer Bombe. Im Hause stellte ich Risse an den Decken zwischen 1-3 cm fest. Die Fensterrahmen saßen nur noch locker im Mauerwerk, die Fußböden waren mit Glas bedeckt. Die Türen waren lose, die Türrahmen zum Teil herausgedrückt. In der oberen Wohnung bzw. dem oberen Teil der Wohnung sah es noch schlimmer aus. Die Seitenwände vor den Dachschrägen waren herausgedrückt und zersplittert, ebenso die Fenster. Praktisch war dieser Teil der Wohnung nicht mehr bewohnbar.

Die Zerstörung, die dann die Kirche unbenutzbar machte, geschah am 8.8.1944. Als Alarm gegeben wurde, gingen wir – d.h. der Küster Griem und der Verwaltungsbeamte Peters und ich – wie es angeordnet war, in den Bunker. Die Beobachtung der Kirche etc. übernahm die Hauptwache. Zunächst blieb alles ruhig. Dann aber kam es dick. Von den Einschlägen der Bomben erschütterte der Bunker. Es wurde durchgegeben, daß anscheinend nur die Wik diesmal betroffen war. Höchstwahrscheinlich waren die Walter Werke das eigentliche Ziel. Als mir mitgeteilt wurde, daß die Kirche brannte, wollte ich aus dem Bunker. Ich wurde aber nicht hinausgelassen.

Als wir endlich raus kamen, sahen wir, daß der Dachfirst der Kirche in einer Tiefe von beiderseits etwa 2 – 3 Meter weggebrannt war. Dann konnte der Brand aufgehalten werden. Alle Sachen konnten geborgen werden. Während wir noch im Bunker saßen, hatte der Pastor Lucht aus Ascheffel, derzeitiger Marine-Kriegspfarrer, die Kirche als Schutz aufgesucht.  Er konnte mit einigen Soldaten die Altarfiguren und die Taufgruppe bergen, ebenso den Teppich und die meisten Gedenktafeln. Als Peters, Griem und ich dazu kamen, konnten wir noch die Kirchenbücher und den sonstigen Inhalt der Sakristei hinausschaffen. Es gelang mir, einen Marine-LKW zu bekommen. Ich habe dann alle geretteten Sachen in die Hüttener Kirche vor Ascheffel bringen lassen. Pfarrer Lucht hatte seine Kirche zur Verfügung gestellt.

Von der Kirche wurde dann später nur ein Streifen über der Orgel und über dem Altarraum gedeckt. Das Übrige des Daches sollte mit Dachpappe unter den Sparren abgedichtet werden. Die Fenster der Kirche wurden mit Kapokplatten geschlossen.  Die Gottesdienste fanden seit dieser Zeit im Konfirmandensaal statt, je einer am Vormittag und gegen Abend.

Restaurierung der Jugendstilverglasung

Neue Fenster in der Petruskirche eingeweiht

Von Reinhart Kauffeld

Kiel – Die Petruskirche in der Wik, mit ihrem wuchtigen, weithin sichtbaren Turm, ist ein bedeutendes Zeugnis Kieler Stadtgeschichte. „Sie ist ein Ausdruck des Stolzes und ein Mahnmal für die Zerstörung unserer Stadt“, sagte der Kieler Propst Thomas Lienau-Becker in seiner Begrüßung. Mehr als zehn Jahre hat sich der Förderverein für die Petruskirche engagiert, Spenden für die Erneuerung der im Krieg zerstörten Jugendstilfenster zu sammeln. Mit Erfolg, denn am 27. Januar konnte die Einweihung der ersten vier Fenster auf der Ostseite gefeiert werden. In Anwesenheit vieler Spenderinnen und Spender würdigte Lienau-Becker die große gemeinsame Anstrengung, welches dieses Bauvorhaben ermöglichte.

„Was der Krieg zerstört hat, haben Sie wieder hergestellt“, sagte Kiels Stadtpräsidentin Cathy Kietzer mit großer Anerkennung, „Sie haben der Petruskirche neues Leben geschenkt.“

Der Vorsitzende des Fördervereins, Pastor i. R. Ernst-Bernd Klemm beschrieb die Kirche als eine der bedeutendsten Jugendstilkirchen in Deutschland und als Wahrzeichen für den Kieler Norden. Erbaut wurde sie von 1905 – 07 als Garnisonkirche für die Marine. Nach der Beschädigung großer Teile der originalen Fenster im zweiten Weltkrieg wurden die Fenster in den 50er Jahren nur provisorisch verglast. Hinzu kamen zahlreiche Beschädigungen des Mauerwerks in den letzten Jahrzehnten.

In mühevoller Kleinarbeit gelang es dem Sachverständigenbüro Ivo Rauch aus Koblenz die ursprünglichen Fenster zu rekonstruieren. Mit dem Einbau der Fenster wurde auch das Mauerwerk fachgerecht ausgebessert.

Rund 111 Tausend Euro hat die jetzige Restaurierung der vier Fenster gekostet. „Die Westseite wird vermutlich bei rund hundert Tausend Euro liegen, da weniger Planungsaufwand erforderlich ist und die Schäden am Mauerwerk geringer sind“, erläutert Karsten Wittorf, der Architekt des Kirchenkreises Altholstein die weiteren Planungen. Hierfür werden dringend weitere Spenden benötigt.

Mit Platz für 1100 Menschen ist die Petruskirche – neben der ähnlich großen St. Nikolaikirche am Alten Markt – die größte Kirche in Kiel.

Seit 1984 kümmert sich der Förderverein für die Petruskirche um deren Erhalt.

1985 kaufte der Kirchenkreis Kiel die Petruskirche, um sie seitdem als Konzert- und Veranstaltungskirche zu nutzen.

Laut Propst Lienau-Becker ist der Kirchenkreis im Gespräch mit Kirchengemeinden, um über eine Nutzung der Petruskirche als Gemeindekirche nachzudenken.

Mit Blick auf die (stockenden) Planungen für eine neue Konzerthalle am Kieler Schloss forderte Lienau-Becker aber auch eine Besinnung auf die eigenen Traditionen der Landeshauptstadt und rief dazu auf, die vorhandenen Säle mit Leben zu erfüllen.

Als ragende Dominante der Baugruppe ist die Südfassade der Kirche über den Konfirmandensaal im Westen mit dem Pastorat und über einen offenen Arkadengang im Osten mit dem Verwaltungsgebäude verbunden. Eine offene dreibogige Arkadenhalle, flankiert von zwei niedrigen mehreckigen Treppentürmen, ist dem sehr hohen querrechteckigen Turm vorgelagert, der sich nach oben leicht verjüngt. Seine Mauern sind vollkommen glatt und geschlossen bis zu den großen mit Stabwerk vergitterten Schallöffnungen des Glockengeschosses unter der geschwungenen Turmhaube. Dem geschlossenen Querriegel an der Eingangsfront schließt sich in gleicher Breite der einschiffige Kirchsaal unter steilem Satteldach an, der im Norden mit einem eingezogenen kurzen Chor endet.Während die Süd- und die Nordwand fast vollkommen geschlossen erscheinen, sind die durch drei einfache Strebepfeiler verstärkten Seitenwände fast vollständig in vertikal gegliederte Fensterbahnen aufgelöst. Dieser Kontrast wird auch für den Innenraum nutzbar gemacht. Er wird durch drei Wandpfeiler, die den Strebepfeilern außen entsprechen, in vier Raumeinheiten geteilt, von denen die erste aber ganz von der Orgelempore eingenommen wird. Infolgedessen bildet der verbleibende Raum aufgrund seiner großen Breite  annähernd ein Quadrat. Keine Stütze stört diesen Einheitsraum des Kirchsaales. Die im Vergleich zur gesamten Raumhöhe niedrigen Seitenwände werden durch den starken Lichteinfall optisch fast aufgelöst. Durch sie dringt das Licht ein, das den hohen offenen Dachstuhl ebenso beleuchtet wie die ganz ähnlich gestaltete Eingangswand und die Chorwand: Beide sind ganz frei von Fenstern, öffnen sich in der Mitte unter hohem Bogen im Süden zur Orgelnische, im Norden zur Altarnische, jeweils flankiert von rundbogigen Türöffnungen.

Den Altar überragt ein großes Kreuz, unter dem sich rechts und links je drei Menschengruppen mit symbolischer und geschichtlicher Bedeutung einreihen.

Von den Figurengruppen, die vom Betrachter aus links unter dem Kreuz stehen, soll die mittlere an die Ewigkeit erinnern. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind durch das Lebensband verbunden. Die Gegenwart schaut in die Gemeinde, die Vergangenheit blickt nach rechts und die Zukunft nach links, also zum Kreuz. Diese Figurengruppe wird links außen durch Fischer eingerahmt, die ein gefülltes Netz einholen, und rechts durch Seeleute mit Steuerrad und Riemen, Symbolen der Seefahrt.

Die mittlere Gruppe rechts unter dem Kreuz verkörpert die vier Elemente. Das Feuer wird durch eine erhobene Fackel dargestellt. Das Wasser wird von einer Frau mit Krug gehalten. Fliegende Haare einer anderen weiblichen Figur symbolisieren die Luft. Die Erde schenkt uns Ähren, die als Garbe im Arm einer weiteren Frau liegen. Diese Gruppe wird umrahmt von Soldaten mit Fahne und Schwert an der dem Kreuz zugewandten Seite, an der Außenseite von Bäuerin und Bauer mit dem Saattuch.

Hinter den sechs Figurengruppen stehen Gottes Engel, die als seine Boten den Menschen seinen Schutz verkündigen; denn der am Kreuz gestorbene Christus, der Herr über die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde sowie über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und Ewigkeit ist, ist auch der Herr über die Menschen, die in dieser Kirche einkehren und die vom Künstler durch ihre verschiedenen Berufe veranschaulicht wurden.

Die Taufgruppe zeigt Eltern, die ihr Kind zur Taufe bringen, und eine Patin mit Ähren im Arm.

Holzbildhauer Otto Flath schuf all diese Werke aus Lindenholz.

Torpedosteuerleute; SM Torpedoboot G 171

Unter einem runden Löwenkopffresko an der Stirnwand der Kirche links des Altarraumes finden sich zwei Tafeln aus rotem Marmor mit goldener Gravur zur Erinnerung an die im WK 1 gefallenen Torpedosteuerleute der Ostseestation (Linke Platte) und die bei einem Manöverunfall 1912 umgekommenen Seeleute des Torpedobootes G 171 (Rechte Platte).

Denkmal des Bundes der Deckoffiziere

Eine bronzene Wandplakette im äusseren Eingangsbereich links der Tore der Petrus- (Garnisons-) Kirche in Kiel-Wik erinnert an 718 Deckoffiziere der Kaiserlichen Marine, die im Weltkriege 1914-18 ihren Tod fanden.

Denkmal der Torpedowaffe

Ein mannshoher, vorwärts schreitender aber rückwärts blickender Löwe auf einem Sockel im Bogengang der Garnisonkirche aus glasiertem, rötlichen Steinzeug erinnert an die 1328 im ersten Weltkrieg Gefallenen der Torpedowaffe.

DER VEREIN

Durch die Unterstützung des Bischofs des Sprengels Holstein-Lübeck, Bischof em. Dr. Friedrich Hübner, und des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Kiel, Herrn Karl Heinz Luckhardt, gelang es dem Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Kiel nach vorherigen intensiven Bemühungen von Seiten der Kirchengemeinde Petrus-Süd schließlich im Jahre 1984, die Petruskirche von der Bundesvermögensverwaltung zu erwerben.

Am 31. Oktober 1984 wurde im Anschluss an einen Festvortrag zum Reformationstag von Bischof em. Dr. Friedrich Hübner in der Petruskirche der Förderverein für die Petrus-Kirche gegründet.

Der Zweck des Fördervereins ist es, der Erhaltung, Pflege und Förderung der Petruskirche zu dienen. Seine satzungsgemäße Aufgabe ist es, im Rahmen des Verkündigungsauftrages der Evangelisch-Lutherischen Kirche für eine angemessene Nutzung der Petruskirche zu sorgen. Er hat insbesondere die Aufgabe, Veranstaltungen kirchlicher und kultureller Art in der Petruskirche, die mit dem Zwecke des Vereins in Einklang stehen, anzuregen und zu fördern.

Spenden und Beiträge

Die Beiträge und Spenden an den Förderverein sind steuerlich absetzbar.
Der Mitgliedsbeitrag beträgt 12.- Euro im Jahr.

Förderverein für die Petrus-Kirche Kiel-Wik e.V.
IBAN: DE 35 5206 0410 0006 4097 17
Evangelische Bank  eG
BIC GENO DE F1EK 1

Beitrittserklärungen bitte an die Geschäftsstelle: Förderverein für die Petrus-Kirche Kiel-Wik e.V.

Förderverein f. d. Petrus-Kirche
Aukamp 69
24161 Altenholz

Ernst-Bernd Klemm
Kontakt: jeb_klemm@nullweb.de
Telefon: 0431 570 86 22

PREDIGTEN

von Bischof em. Prof. Dr. U. Wilckens zu Joh. 21,15-17

Liebe Gemeinde,

für diesen Gottesdienst in dieser so stilgerechten, so schönen Petruskirche, mußte ich natürlich einen Predigttext wählen, der von Petrus handelt. Ich finde keinen, der inhaltlich so großartig und zugleich so herzbewegend ist wie diese Geschichte. Man braucht sie nur zu erzählen – und jeder merkt: In dem Petrus da kann ich mich selbst sehen: Ich bin gemeint.

Ich muß die Geschichte von Anfang an erzählen: Eine kleine Gruppe von Jüngern Jesu ist am Ufer des galiläischen Sees zusammen. Sie hatten in Jerusalem das schreckliche Passionsgeschehen miterlebt, wie in der heiligsten Nacht des Jahres, der Nacht des Passafestes, die Polizei des Hohenpriesters zugeschlagen und Jesus im Garten Gethsemane verhaftet hatte. Judas hatte sie dorthin geführt – ausgerechnet ein Mitglied des Kreises seiner zwölf vertrauten Jünger. Als die Soldaten Jesus abführten, da brach all ihr Vertrauen und alle Zuversicht in ihnen zusammen, und sie flohen entsetzt davon. Nur Petrus raffte sich auf und folgte dem Zug der Polizisten bis zum Amtsgebäude des Hohenpriesters. Hatte er doch kurz vorher seinem Herrn, den er so sehr liebte, Treue gelobt bis zum Tod, sein Leben wollte er für ihn einsetzen. Nun stand er im Innenhof des Hohenpriesterpalastes mit den Polizisten und Mägden zusammen am wärmenden Feuer. Eine von den Frauen fragte ihn, ob er nicht auch einer von Anhängern dieses Jesus sei, den sie da eben als Gefangenen zum Hohen Chef gebracht hätten? Er winkte ab: „ Nein, das stimmt nicht!“ Ein anderer wiederholt die Frage. Er verneint auch diese. Aber nun wurde es gefährlich für Petrus, denn die umstehenden Polizisten mußten ihn, einmal auf ihn aufmerksam gemacht, leicht erkennen, weil er sich doch, seinem Treuegelöbnis entsprechend, bei der Verhaftung aktiv mit dem gezückten Schwert hervorgetan und ihrem Anführer ein Ohr abgeschlagen hatte. Und in der Tat, sie erkannten ihn. Nochmals wehrt er sich – „ nein, das bin ich nicht gewesen“! Da krähte der erste Hahn dieses Morgens. Und siedendheiß fällt es Petrus ein, daß Jesus ihm ja genau dieses vorausgesagt hatte: Er, der voller Wagemut sein Leben für seinen Herrn einsetzen wolle, werde ihn noch vor dem ersten Hahnenschrei dreimal verleugnen. Nun brannte sein Herz vor schmerzender Scham über sich selbst: Wie konnte er mir in der Stunde der Gefahr sein Treuegelübde so schnell brechen – und gleich dreimal hintereinander! Und er „weinte bitterlich.“

Doch nun war eben auch all sein Mut zusammengebrochen, er schlich sich davon, wanderte mit seinen Gefährten nach Galiläa zurück; und dort sollte nun ihr Alltag wieder beginnen, so wie er war, bevor Jesus sie zu sich gerufen hatte. Sie waren Fischer – und so fuhren sie auf den See hinaus. Aber nichts haben sie gefangen, keinen einzigen Fisch – darin spiegelt sich die innere Depression. Wer nichts ist, der kann eben auch nichts, und er hat keinen Erfolg. Das kommt davon: Im Herzen bist du ein Lump, so bist du nun auch im Beruf ein Verlierer – es ist eben alles aus. (Mancher von uns mag solche Stimmung kennen, von sich selbst oder bei anderen).

Beim Zurückfahren in der Morgenfrühe sehen sie am Ufer einen Unbekannten stehen. Der ruft zu ihnen herüber, ob sie ihm nicht etwas zu essen geben können von ihrem Fang. Nein, winken sie ab, von Fang kann keine Rede sein. Da fordert er sie auf, ihr Netz noch einmal auszuwerfen. Sie tun es, – und es wird voll wie noch nie! „Es ist der Herr“ – sagt einer. Ja, sie ahnen es alle – denn bei ihrer Berufung war es ja auch genauso gewesen. Petrus war damals Jesus zu Füßen gefallen und hatte gesagt: „Geh weg von mir – ich bin ein Mensch voller Sünde!“ Jetzt müßte er das Gleiche zu Jesus sagen, nur viel, viel gewichtiger und aktueller. Er springt ins Wasser, schwimmt mit kräftigen Zügen ans Ufer, um der Erste zu sein, den Herrn zu begrüßen. Aber bei Jesus angekommen, erstirbt ihm jedes Wort, er bekommt das Bekenntnis nicht heraus, das jetzt fällig wäre. Eine eigenartige Atmosphäre liegt über dem Mahl mit Jesus. Alle wissen Bescheid, aber niemand sagt ein Wort. Die Freude, daß er wieder da ist, will nicht aufbrechen – die Scham verschließt ihnen allen den Mund.

Kann man das nicht gut verstehen? Aber wer redet heute überhaupt von Schuld? Ich meine: von seiner eigenen. Ja, wenn’s um die Schuld der anderen geht, da läßt sich lauthals reden, da schreien wir alle mit; und es hast fast Unterhaltungswert, einem Schuldigen öffentlich mit moralischer Entrüstung alle Schande ins Gesicht zu sagen. Schuld haben, heißt von allem isoliert zu werden; blitzschnell geht das, und du stehst allein da, aus der Gesellschaft ausgegrenzt: alle gegen einen. Darum fürchtet man sich vor nichts so sehr wie vor einem Eingeständnis von Schuld. „Dann bist du nämlich vernichtet, wenn alle gegen dich sind!“

Wie wird Jesus reagieren? Er, der doch nicht einfach nur ein Mitmensch, auch nicht nur ihr Chef, sondern Gott selbst ist, Gottes eigener Sohn! Petrus denkt jetzt sicherlich: Wenn es einen Treuebruch gibt, der zählt , der in die Tiefe hinabzieht, bei dem es um Bestehen oder Versagen, um Ehre oder Schande, ja um Sein oder Nichtsein geht, dann ist es das, was ich Jesus angetan habe dort unten im Hof, meine Verleugnung, während er oben im Saal vor seinen Richtern sein Bekenntnis ablegte!

Aber, Jesus reagiert anders, als wir es erwarten. Wir würden wohl meinen, es gibt in solch Fällen nur ein Entweder-Oder: Entweder er geht auf Petrus zu, reicht ihm die Hand und sagt: „Schwamm drüber. Das war eine Art Unfall – Du meintest es ja nicht so, das soll uns nicht trennen!“ (Merkwürdig, wie wir tolerant sein können aus lauter Harmoniebedürfnis!) Oder aber Jesus verurteilt den Treulosen, der ihn hinterrücks verraten hat und sagt ihm alle Schande. Das wäre ehrlich, aber unsolidarisch – jenes ehrlichkeitsscheu, aber einladend.

Jesus tut weder das eine noch das andere: Er fragt Petrus und nennt ihn dabei persönlich mit seinem vollen Namen: Simon, Johannes Sohn: „Liebst du mich so, wie man Gott lieben soll – von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüt und mit all deinen Kräften?“ Dazu sagt Petrus sofort sein Ja – gibt sein Herr ihm anscheinend doch die Chance, an sein altes Verhältnis zu ihm einfach wieder anzuknüpfen, über die Stunde des Versagens hinweg. Alles also ist wieder gut! Doch nun folgt, völlig überraschend, ein Wort, bei dem ihm der Atem stockt. Jesus sagt: „Weide meine Schafe“. Das ist das Bild vom Hirten und seiner Herde, mit dem Jesus zuvor von sich selbst und der Gemeinde seiner Jünger gesprochen hat. Das heißt also: Wenn Du mich liebst, wie man Gott lieben soll, dann tritt jetzt an meine Stelle und leite die Kirche mit dem Willen meiner Liebe, so also, daß du dein Leben wirklich und ganz und gar einsetzt für alle meine Jünger, die ich dir anbefehle!

Da ist es, mein Versagen, – denkt Petrus. Jesus spricht nicht davon, aber er meint es: Wie kann er mir denn im Ernst zutrauen, von jetzt an für meine Schwestern und Brüder in seiner Kirche mein Leben einzusetzen, so wie Er es getan hat, wie aber ich es – leider- nicht getan habe? Ein leitendes Amt in der Kirche haben – das kann man nur, indem man die Menschen liebt, die Jesus liebt, und alles Eigene für diesen Dienst einsetzt. Das ist ebenso eindeutig wie anspruchsvoll: eindeutig muß die Bereitschaft sein, in all meinem Handeln Jesus zum Vorbild zu haben. Genau das aber ist das Anspruchsvolle, um das es heute bei der Bischofswahl drüben in Lübeck geht: Nicht ob es eine Frau oder ein Mann ist, sondern ob sie oder er ganz in den Hirtendienst Jesu eintreten kann und eintreten will!

Jeder, der zum Hirten gewählt und berufen ist, erschrickt – ich denke, bis heute ist das so, – als erster aller Bischöfe der Kirche erschrickt hier Petrus. Zumal wo Jesus nun noch einmal nachfragt: „Liebst du mich wirklich“? Nun ist Petrus sich sicher: Er spielt auf meine Verleugnung an. Doch jetzt gibt Petrus nicht auf. Wo Jesus ihm trotzdem die Leitung seiner Kirche zutraut, da getraut auch er sich, zu seiner Liebe zu Jesus zu stehen, obwohl er sie so schändlich verraten hat. Doch wie Jesus die gleiche Frage zum dritten Mal wiederholt, da kann Petrus nicht einfach sein ja noch einmal wiederholen – da kann er nur noch an das Wissen des Sohnes Gottes appellieren: „Herr, Du weißt alles – so weißt Du, daß ich dich liebe, trotzdem ich diese Liebe dreimal verraten habe – Du weißt, daß ich dich trotzdem lieben will, aber daß ich dich nur lieben kann und lieben werde, weil Du es mir in Deinem wunderbarem Wissen zutraust. Herr, was wir sind, sind wir durch deine Vergebung. Und von deiner Vergebung lebt besonders jeder, den Du zur Leitung Deiner Kirche berufst. In Deiner Vergebung sagst Du zu mir: Du gehörst zu mir – nichts kann uns trennen, keine Schuld, auch nicht die tiefste und schlimmste: Wo du vergibst, bin ich wirklich frei.

Das ist, liebe Schwestern und Brüder, der Kern dessen, was unsere Kirche unserm Volk und Land zu verkündigen hat; und ich denke, das ist heute aktueller denn je. Wie schwer kann unsere heutige Welt, die Gott aus ihrem Gesichtskreis zu verlieren droht, überhaupt mit Schuld umgehen? Ob es um Verfehlungen zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und Kindern geht, oder um Verfehlungen in Beruf und Politik; ob es auch um die Schuld vergangener Generationen geht, deren Folgen wir heute zu tragen haben und in Zukunft noch lange zu tragen haben werden, – es gibt keine Schuld, auch keine noch so große und tiefe und schreckliche, die Gott nicht vergeben könnte und vergeben wollte. Gerade wo heute alle Rede von Schuld immer mehr ins Unklare verschwimmt zwischen harter und oft zynischer Anklage und unverfrorener Ableugnung; und wo das Umgehen mit Schuld hin und her schwankt zwischen Ausgrenzung von Schuldigen und Kameraderie von Leuten, „da doch alle keine Engel sind“, – da kann die Verkündigung der Kirche eine entscheidend wichtige Richtschnur für unser ganzes Land sein oder es wieder werden.

Petrus ist das Urbeispiel dafür: Gott sieht alle Schuld, und bei dem ist Schuld auch wirklich Schuld, keiner kann sie wegreden, und Schuld zu vergessen, zu verdrängen vergiftet alles Leben. Aber Schuld ist nichts Aussichtsloses, das allen Sinn des Lebens und alle Ehre der Person auslöscht: Wenn Gott Schuld vergibt, macht er unser Leben frei, zuversichtlich und tief glücklich. Schuld wird zwar durch Vergebung nicht unsichtbar, erst recht nichts Gleichgültiges: Aber mit vergebener Schuld kann man leben – Ja, mit vergebener Schuld kann man auch Leitungsverantwortung übernehmen und getrost an sein Werk gehen.
Amen.

von Bischof i. R. Dr. Ulrich Wilckens zu 1. Kor 1, 18-25

Das Wort vom Kreuz ist ‚Unsinn’ für die, die verlorengehen. Uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben: „Zunichte machen will ich die Weisheit der Weisen, und das Verständnis der Verständigen verwerfen.“ Wo bleibt da ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer dieser Weltzeit? Hat doch Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht! Denn weil die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, durch ihre Weisheit Gott nicht erkannt hat, hat Gott nun beschlossen, durch den ‚Unsinn’ der Verkündigung die zu retten, die glauben. Während die Juden (Bestätigungs-)zeichen fordern, und die Griechen Weisheit (zu hören) suchen, verkündigen wir Christus, den Gekreuzigten. Für Juden ist er ein ‚Skandal’ und für die Griechen ‚Unsinn’ – : für die „von Gott“ Berufenen aber, Juden wie Griechen, ist Christus (der Gekreuzigte) Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn Gottes ‚Unsinn’ ist weiser als die Menschen und Gottes ‚Ohnmacht’ stärker als die Menschen.
Liebe Gemeinde!
Diese Sätze des Apostels Paulus haben mich schon als jungen Menschen fasziniert und so mein Leben lang mich begleitet. In ihrer trotzig-gewollten wuchtigen Widersprüchlichkeit fordern sie zum Denken heraus: Ihr Christen, die ihr in eurem täglichen Glauben mit dem Bilde des gekreuzigten Christus lebt, bemerkt ihr eigentlich noch das Ungeheuerliche, daß ausgerechnet dieser brutal und schändlich Hingerichtete Gottes Sohn und unser aller Erlöser ist? Wie kann das wahr sein? Wie kann es gar unser allerletzer Trost im Leben und im Sterben sein?
Hier im Dom ist dieses Ungeheuerliche überdeutlich, niemand kann es übersehen: Das riesige Kreuz beherrscht den ganzen Raum unserer Kirche. Um vieles größer ist Christus als Adam und Eva, wie kleine Kinder stehen sie vor ihm. Aber nicht als hilflos Sterbender blickt er Adam an, als wollte er ihm etwa bedeuten: Weine mit mir, es ist alles aus, mit mir stirbt jetzt Gott für euch. Sondern ein Blick voller Ernst und Lebenskraft ist es, den er Adam zuwirft: Sieh, ich bin mit dir, und mit meinen ausgestreckten Armen umfange ich euch alle. Seht, wie der hohe Holzpfahl, an dem ich hänge und an dem ich für euch sterbe, zum Lebensbaum wird, aus dem alle mit neuem Leben hervorsprießen, die je als meine Jünger zu mir und zu Gott gehört haben.
Unter diesem Kreuz feiern wir Sonntag für Sonntag das Heilige Mahl: „Das ist mein Leib, für euch hingegeben“ – ich ganz in dir, du ganz in mir. „Das ist mein Blut“ des neuen und ewigen Bundes Gottes mit seiner ganzen Kirche. „Seht und schmeckt“ die wunderbare Liebe Gottes, in der er euch von aller Sünde frei und euer Leben heil, frei und voller Zuversicht macht! Aber nicht wahr: Es ist ein anderes, dies immer wieder in unseren Gottesdiensten zu erfahren und mit erstaunter Gewißheit im Herzen nach Hause in die kommende Woche mitzunehmen – und ein sehr anderes, den Menschen um uns herum zu erklären, was wir da glauben. Vor allem viele Eltern geraten in große Verlegenheit, wenn ihre Kinder sie fragen: Was macht ihr da eigentlich? Zu einem Sterbenden blickt ihr auf wie zu einem Gott, zu einem Hingerichteten, in dem man wohl einen Repräsentanten der Millionen und Abermillionen mit brutaler Gewalt unschuldig geschändeter und hingemordeter Menschen zu erkennen vermag – nicht aber einen, der aus all dem herausretten kann. Ich kann die Urlaubsszene nicht vergessen, als mein kleiner Neffe vor einem der Wegekreuze des bayerischen Landes sinnend stehenblieb und nach langer Pause als Resultat von sich gab: „Der‘ sch dood“. Aus Kindermund das Problem unserer modernen Welt: „Gott ist tot“, was anderes kann das Kreuz bedeuten?
Was haben wir darauf zu antworten?

Das Erste ist eine ernste Bitte: Selbst wenn uns vieles – oder gar alles – recht fraglich ist, was mit dem Kreuz Christi zusammenhängt, so laßt uns doch die Ehrfurcht nicht verlieren vor diesem Gekreuzigten! Ohne ein volles Ernstnehmen dessen, daß er der Sohn Gottes ist, wird das ganze Christentum zur belanglosen Farce. Sogar noch in der äußersten Todesnot weiß sich Jesus als Gottes Sohn. Sein Schrei nach Gott ist ein Gebet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“. Es gibt ja solche Stunden auch bei uns: Helfen wir einander dazu, daß daraus kein zynisches Zerreden alles Glaubens wird, wovon die Welt um uns herum voll ist. Jesus wußte, als er starb, daß alles sich jetzt vollendet, was er zuvor von Gott verkündigt hatte: daß der heilige Gott den Willen und die Macht hat, auch absolute religiöse Desperados aus ihrer Gottesferne, ja aus Gottlosigkeit zu erretten. Jesus ist bereits kurz nach seinem Tode, am Morgen des Ostertags nach der Karfreitagsnacht, durch Gottes Allmacht zum Leben auferweckt worden. Gott hat den Gekreuzigten nicht verlassen, er hat sich selbst nicht von einer Welt zurückgezogen, die nichts mehr von ihm wissen will. Zum Leben auferweckt hat Gott seinen Sohn. Und besiegt hat Gott darin für uns den Tod definitiver, ewiger Gottlosigkeit. Diese Osterwahrheit gehört mit dem Geschehen des Kreuzestodes Jesu zusammen. Ohne die Auferweckung des Gekreuzigten kann in der Tat nicht verkündigt werden und kann auch niemand glauben, daß Christus uns zum Heil gestorben ist. Beides gehört als unverbrüchliche Einheit zusammen: die Ohnmacht Jesu am Kreuz, in der er unsere Ohnmacht teilt, und die Allmacht Gottes, in der Gott die Ohnmacht seines gekreuzigten Sohnes aufhebt und uns aus letzter Ohnmacht rettet; die Liebe Gottes in der Selbsthingabe seines Sohnes für uns bis in den Tod und der ewige Sieg dieser Liebe im Leben des Auferstandenen. Ist Christus nicht wirklich auferstanden, sagt Paulus, dann freilich wird aller Glaube an den Gekreuzigten zunichte. Dann verliert alles Vertrauen zu Christus, dem Heiland unseres verlorenen Lebens, jegliche Kraft, und allen Dankeshymnen, die die Kirche ihm in ihren Gottesdiensten singt, geht der Atem aus. Aber gerade wenn wir dieses Osterwunder annehmen möchten oder doch jedenfalls verstehen wollen, daß es Gott nur geben kann, wenn er allmächtig ist auch über den Tod, – gerade dann verlangt die Frage bedrängend nach einer überzeugenden Antwort: Warum bedurfte es überhaupt des Todes Jesu, damit wir von Sünde und Tod freikommen? Warum sollte es der allmächtige Gott notwendig gehabt haben, seinen unschuldigen Sohn so elend sterben zu lassen, um uns Schuldigen zu vergeben? Wenn schon unter uns Menschen ein Händeklatschen genügt, um Versöhnung unter Streitenden zu besiegeln, wieviel mehr bräuchte Gott uns doch nur zu sagen: ,,0k, ich bin dir wieder gut, alles zwischen uns ist wieder in Ordnung“! Jedoch: Wer so denkt, nimmt weder ernst, was Sünde eigentlich ist, noch ermißt er, wer der heilige Gott ist, den unsere Sünde zutiefst beleidigt. Dazu müssen wir in den Kern des Alten Testaments zurückleuchten. Am Anfang der Geschichte Gottes mit Israel hat Gott Mose offenbart, wer er ist. Sein Name lautet: „Ich bin, der ich bin“. Das klingt hochmodern. Genauso denkt ja auch der moderne Mensch von sich selbst. Um mich dreht sich mein ganzes Leben; niemand anders als mir selbst will ich gehören. Ich lebe für mich selbst, und jeder andere neben mir soll das auch können. Dann ist die Welt in Ordnung. Aber Gott meint seinen Ich-Namen ganz anders als wir, ja sogar völlig gegensätzlich: Sein Ich ist zwar in der Tat so absolut, wie es der Mensch der Modeme von sich behauptet. Aber Er-Selbst ist Gott für die, die er liebt. In seinem eigenen Wesen ist Gott Liebe, nicht Selbstliebe, sondern Liebe zu uns. Was Gott denkt, will, fühlt und tut, das gilt alles uns. Darum lautet der Inhalt seines Ich-Namens so: „Barmherzig, gnädig, geduldig und voll von Liebe und Treue“. In dieser Liebe schenkt er Israel sich selbst ganz und gar. So persönlich er aber in seiner Liebe alles Eigene immer wieder und immer neu darangibt, um für seine Erwählten da zu sein, so persönlich müssen und sollen diese freilich auch ihn lieben „von ganzem Herzen (heißt es), aus ganzer Seele und mit allen Kräften“. Liebe will Liebe als Antwort erwecken, das gehört zu ihrem Wesen – wir wissen es alle. Echte Liebe kann aber Gegenliebe nicht erzwingen wollen! Wie tödlich eine Liebe auf den wirken kann, der durch sie gezwungen werden soll, das erfahren wir Menschen ja untereinander oft genug. Ist es nun aber der lebendige Gott, der uns liebt, der Schöpfer, bei dem und von dem allein es wahres Leben gibt, so ist seine Gabe für die, die ihn wiederlieben, Leben in Fülle. Wer sich jedoch der Liebe Gottes verweigert, der entzieht sich selbst dieser Lebensfülle. Er handelt sich mit seinem Nein zu Gott immer zugleich auch den Verlust von Leben ein. Das ist in der biblischen Sprache mit Sünde gemeint: der Eigenwille eines Menschen, sich sein Leben so zu schaffen, wie er selbst es will, ohne Gott über sich, woraus jedoch eine tiefe Schädigung des Lebens entsteht: man lebt, ohne wirklich zu leben.
Das war die Geschichte Adams und Evas, die sich in der Geschichte jedes Menschen wiederholt, der selbst sein will wie Gott, mein eigenes Ich als mein Gott. Adams Nein zu Gott führte zum Ausschluß vom Leben im Paradies, hinaus in ein Dasein in der Wüste, ganz allein nur dem überlassen, was er selbst aus sich machen kann. Dort hat nun alles Leben mit Tod zu tun. Und sogleich tötet so auch der Bruder seinen Bruder, weil er in ihm seinen Konkurrenten sieht. Wer sich von Gott trennt, trennt sich damit von der Quelle der Liebe. So wie Gott Adam und Eva sich selbst überläßt, weil er ihr Nein gegen ihn ernstnimmt, so überließ er auch Israel, das seiner Erwählungsliebe immer und immer wieder nicht gehorchen wollte, sondern selbstgemachte Götter feierte, der Heillosigkeit alles Lebens ohne Gott. Und wer könnte nicht verstehen, daß Gott, der sich so selbstlos-ganz seinen Erwählten in Liebe hingibt, mit Zorn reagiert, wenn er die, die er liebt und die er zum Leben bringen will, dem Tod als der Folge ihres Ungehorsams überlassen muß. Es ist der Zorn verletzter Liebe, ein Zorn voller Trauer.
Doch wunderbarerweise ist Gottes Liebe größer, langlebiger als sein Zorn. Sie wirkt auch dort noch weiter, wo sein Zorn sein Ende gefunden hat. In der Geschichte mit Israel wird das allerdings immer schwieriger. Immer neu vergibt Gott den Seinen, wenn sie zu ihm nach Rettung schreien, aber immer wieder fallen sie dann in den tödlichen Eigenwillen Adams zurück.
Schließlich verheißt Gott eine völlige Erneuerung seines Bundes mit diesem bundbrüchigen Volk. Und als Erfüllung dieser Verheißung verkündigt Jesus den Anbruch des ewigen Reiches Gottes: Darin sollen Sünder sollen die ersten sein, die Gottes Vergebung erfahren und zum Leben kommen. Die Gerechten sollen diese Entscheidung der Liebe Gottes annehmen. Aber am Ende muß Jesus erleben, was allezeit zuvor Gott mit seinem Volk erlebt hat: Die Mehrheit Israels lehnt seine Heilsbotschaft vom Reich Gottes ab.

Da tat Gottes Liebe ein Allerletztes seiner Selbsthingabe: Jesus nimmt in eigener Person den Tod auf sich, den die Sünder der ganzen Welt sich zuziehen, indem sie sich Gott verweigern. Der Sohn Gottes gibt sein eigenes Leben hin, um das unsere zu retten und zu heilen. Das ist das Geheimnis des Kreuzes: Gottes Liebe ist es, die sich im Leiden und Sterben seines Sohnes für uns alle hingibt. Gottes Liebe erleidet selbst Gottes Zorn, um uns von allem Elend zu erlösen, dem uns Gottes Zorn überlassen muß. Luther spricht von einem „seligen Tausch“: Im Kreuz Christi tauscht Gott mit uns, er nimmt auf sich, womit wir unser Leben zutiefst verdorben haben, und gibt uns das Leben in Fülle, das sein ist. Die Geschichte der Passion Jesu ist eine Geschichte der Passion der Liebe Gottes zu uns. Und Gott sei Dank: Gottes Liebe ist so stark, so allmächtig, daß ihr Wille, uns zu retten, ihre Ganzhingabe für uns, den letzten Sieg errungen hat. Der für uns Gekreuzigte hat den Tod überwunden. Er lebt, und in seinem Leben lebt Gottes Liebe zu uns. Wir alle dürfen uns der Liebe Christi ganz anvertrauen und sie unser Leben retten lassen, von allem, was wir immer wieder tun, um es zu verderben; wir dürfen es heil werden lassen von allen Verwundungen, die wir uns selbst und die andere uns immer wieder zufügen. Alle Schuld wird am Kreuz Christi vergeben. Wir brauchen nicht hilflos mit unserer Schuld umzugehen, indem wir sie entweder einfach ableugnen, oder indem wir ganz einfach andere beschuldigen, um selbst als rein dazustehen. Dem ganzen unseligen Netz von Schuld und Gegenschuld, das wir nicht entwirren können, – im Glauben an Christus, den Gekreuzigten, können wir daraus wie aus einem Gefängnis entkommen.

Daraus wird deutlich, wie wichtig das Wort vom Kreuz auch für den Dienst von uns Christen für unsere Welt ist. Denn genau besehen, ist das Unvermögen, mit Schuld so umzugehen, daß ‚C’ – sie nicht alles Leben in Mitleidenschaft zieht, das schwerste Problem unserer modernen Welt. Wo sie meint, mit allem fertig werden zu können, was nur irgend das Zusammenleben der Menschen stört, da gehört Schuld zu dem, was keiner von uns von sich aus beseitigen kann. Gott aber hat die Welt „so sehr geliebt, daß er seinen einziggeliebten Sohn für sie hingegeben hat“ – gerade mitsamt ihrer Schuld. So ist das Kreuz Jesu Christi wirklich das Herz christlichen Glaubens und christlicher Verkündigung in unserer Welt. Amen.

von Bischof em. Prof. Dr. Ulrich Wilckens zu Psalm 26,8: „Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Herrlichkeit wohnt!“

Liebe Gemeinde – und besonders liebe Mitglieder des Fördervereins dieser Petruskirche!

Wozu sind eigentlich Kirchen da, wozu dient die Kunst der Architekten und der Künstler, die sie entwerfen und ausstatten, damit sie schön und das Weichbild der Stadt bestimmen wie diese Petruskirche? Die Antwort weiß jeder von uns: Für die Gottesdienste sind sie da, die darin gefeiert werden.

Gottes Wort soll in den Kirchen verkündigt und gehört werden. Die Sakramente haben hier ihren Ort, sowohl die Taufe, durch die man Mitglied der Kirche wird – lebenslang! – wie auch das Heilige Abendmahl, in dem wir am Geheimnis der leibhaften Gegenwart Christi immer wieder teilhaben. Und kräftig gesungen und musiziert soll hier werden zu Gottes Lob und Preis. Was immer sonst noch geschieht als Beiträge zum kulturellen Leben dieser Stadt, das erfährt seine Prägung und erweckt seinen Eindruck von daher, dass es eine Kirche ist – zumal diese Petruskirche in ihrer eigenartigen Schönheit – , in der dies alles stattfindet. Dadurch klingt es eben alles anders als in Konzert- und Vortragssälen oder in Museen – das empfinden auch Menschen, die mit dem Gottesdienst selbst nicht so vertraut sind.

Sowie wir die Frage nun jedoch umgekehrt stellen – wozu brauche ich die Gottesdienste, die hier und in den anderen Kirchen der Stadt gehalten werden? – dann ist die Antwort für manche nicht ebenso leicht und selbstverständlich zu geben. Wenn man so den Ablauf seiner Woche in den Blick fasst, dann werden wohl viele sagen: „Das Wochenende ist es, auf das zu ich lebe und worauf ich mich während der Arbeit der Woche freue, – nicht der Sonntag als den ersten Tag der Woche! Denn was geschieht denn da nicht alles im Leben einer Stadt von der Freitag-Nacht bis zum Sonntag abend! Unter all den Events, die man in einer Großstadt erleben kann und erleben möchte, was bedeutet da der Gottesdienst am Sonntag morgen? Klar – die große Mehrheit fühlt sich bei dieser Frage persönlich überhaupt nicht betroffen: Für sie gehören Gottesdienste überhaupt nicht zu ihrem Wochenende. Aber auch für manche Christen ist die Antwort auf diese Frage eher heikel als klar: Ist Gottesdienst für mich wirklich wichtig? Ist da etwas Wichtiges zu erleben? Und in welchem Grade ist es wichtig?

Oft hört man die Meinung: Für Protestanten sei es jedenfalls nicht Pflicht, am Gottesdienst teilzunehmen. Es gehöre zur Freiheit eines protestantischen „Christenmenschen“, die Häufigkeit oder Nichthäufigkeit nach eigenem Gutdünken zu bemessen. Wer so denkt, hat kein Problem mit dieser Frage. Doch sowie wir ernst nehmen, was der Beter dieses Psalms ausruft: nämlich dass Gott in diesem Haus wohnt, Gott mit der ganzen Herrlichkeit seiner Geheimnisse, so verändert sich noch einmal alles: Dann geht es überhaupt nicht darum, ob es Pflicht sei oder nicht, sondern darum, ob ich von der Gegenwart Gottes im Gottesdienst etwas für mich Konkretes erfahre. Wenn das der Fall ist, dann hat natürlich ein solcher Gottesdienst in der Tat ganz von selbst allerhöchsten Stellenwert.

In jedem christlichen Gottesdienst geschieht aber dies: dass Gott mir hier sich selbst schenken will. Wenn ich das erfahre, wie sollte ich dann anders darauf antworten als der Beter des Psalms: „Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Ehre wohnt!“

Dann kommt man mit höchsten Erwartungen in dieses Haus; und die werden nicht enttäuscht. Wenn Gott mein Herz mit seiner Liebe berührt, erweckt er eine ganz wunderbare, selige Freude an ihm. Und so gewinnt der Gottesdienst ganz von allein eine so große Wichtigkeit, dass ich hingehe, wo immer ich kann. Genau das ist es, was der Psalmbeter meint: Er hat es erlebt, erlebt es immer neu und weiß: Hier steht sein Fuß auf festem Grund. Auf Gott kann er sich verlassen für immer, wie immer abgekämpft und sorgenbedrückt er aus seinem Alltag hier eintritt. Er liebt Gott, liebt ihn so innig und so dankbar, wie sonst überhaupt keinen Menschen. Es gibt tatsächlich eine Liebesgeschichte mit Gott, die viel tiefer und reifer ist als jede Liebesgeschichte unter Menschen. Bereits bei uns ist es so: Wo einer sich verliebt hat, da sieht sich für ihn oder für sie die Welt mit anderen Augen an; und der Raum, in dem man zuerst zu zweit zusammengekommen ist, bleibt für immer in der Erinnerung als ein kleines gemeinsames Paradies. Ist es nun aber Gott, den ich zu lieben begonnen habe, wird mein Herz so geradezu entflammt, dass ich tanzen könnte vor Freude an Ihm. Und so wird auch ein Kirchenraum, in dem man das zum ersten Mal erfahren hat, bleibend lieb und teuer. Was könnte ich Ihnen allen an diesem Festtag Ihres Jubiläums Besseres wünschen als diese herrliche Erfahrung, und dass die Ihnen bleibt für alle Gottesdienste der nächsten 25 Jahre!

Lassen Sie es mich aus meiner eigenen Lebensgeschichte bezeugen. Seit ich als Junge in den schrecklichen Wirrsalen der letzten Kriegstage zum ersten Mal in meinem Leben auf einmal überraschend die lebendige Stimme Jesu aus der aufgeschlagenen Bibel in mein Herz hinein habe reden hören: „In der Welt habt ihr Angst – aber seid getrost: ICH habe die Welt überwunden!“ – seitdem gehe ich mit der Stimme dieses ICH des lebendigen Gottessohnes ständig um und lasse mich „getrost“ machen; und es ist mir das Wichtigste von allem: diese Stimme immer wieder zu hören; sie ja nicht zu überhören, mein Herz täglich für sie offen und bereit zu halten. Damals musste ich danach einen wochenlangen Fußweg nach Hause finden, von Bayern bis zum Schwarzwald. In jedem Dorf, in das ich abends kam, läuteten die Glocken der Kirche zum Abendgebet. Die Türen waren geöffnet, sodass ich mich leicht getraute, mit den Dorfbewohnern einfach mit hineinzugehen: Da war auch für den fremden Jungen Platz; und hernach wurde ich im Pfarrhaus gastfrei willkommen geheißen, durfte mit essen am großen Tisch, durfte schlafen und am frühen Morgen durfte ich auch an der Messe teilnehmen – keiner fragte mich, ob ich auch katholisch sei. Man hat mir sicher angesehen, wie begeistert sozusagen in meiner ersten Liebe ich in der Reihe der Kommunikanten zum Altar hinzutrat, um die Hostie zu empfangen – dass ich „Danke“ sagte statt „Amen“, nahm mir keiner übel. Und dann ging ich mit Jesus in meinem Herzen selig davon zur nächsten Strecke meiner Wanderung. Als ich schließlich glücklich zu Hause angekommen war, unverletzt und ohne in Gefangenschaft geraten zu sein, wusste ich es: Mein eigentliches Zuhause ist der Gottesdienst mit der Stimme Jesu und mit seiner wunderbaren Einkehr in mein Innerstes. Dieses Wissen habe ich nie verloren. Gottesdienst ist auch immer so lebendig – neu, so aktuell wichtig, dass es mir nie zur bloßen Gewohnheit erstarrte. Ja, ich kann sagen: Ich freue mich auf jeden Gottesdienst, auf das Hören des Wortes Gottes an mich und auf den Empfang dieses Stückchen Brots, in dem Jesus zu mir einkehrt und mich durch die Woche hindurch begleitet; Ja, „ich habe lieb die Stätte Deines Hauses, Herr, und den Ort, da Dein Geheimnis wohnt!“

Warum ist das so? Es liegt- kurz gesagt – daran, dass Gottes Liebe wirklich ganz anderer Art ist als jede Liebe von Mensch zu Mensch. Gott ist selbst, mit seinem ureigenen, absolut heiligen ICH, ganz und gar für die da, die er liebt. Seine Liebe hat nichts Egoistisches – Gottes ICH ist eins mit seiner Liebe zu uns. Das hat sich darin erwiesen, dass Gott im Kreuzestod seines Sohnes sich selbst ganz für uns alle hingegeben hat, um uns aus all der Todeswirklichkeit herauszuretten, in die wir Menschen uns durch die Weise, wie wir leben, verstrickt haben; und um uns mit dem Auferstehungsleben Christi zu verbinden, das immer neu allen Tod in uns zunichte werden lässt. Es ist wirklich eine Erfahrung von Auferstehung aus unserer Todeswirklichkeit heraus, ein tiefes totales Neuwerden unseres ganzen inneren Lebens, das Christus uns schenkt, wenn er in uns einkehrt.

Was für eine Liebe ist das, die so stark ist, dass sie sogar den Tod in uns entmachtet und die weder selbst jemals erstirbt noch auch unsere Liebe zu ihm ersterben lässt! Und was für eine Liebe ist es, die so treu ist, dass wir uns durch all unsere Lieblosigkeiten hindurch immer neu ganz gewiss auf sie verlassen können! Die Gegenwart dieser Liebe Gottes, dieser Liebe Christi ist es, die uns den Gottesdienst zu einer Heimat werden lässt, die uns nie verloren geht. Darum: „Herr, ich habe lieb diese Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Herrlichkeit wohnt!“

Amen

von Probst i. R. Otto Uwe Kramer zu Philipper 2,12 – 13

Liebe Gemeinde,

heute am Reformationstag denken wir an jenen 31. Oktober des Jahres 1517, als ein junger, eigentlich völlig unbedeutender Mönch, gerade zum Professor an dertheologischen Fakultät im kleinen Wittenberg ernannt, am Vorabend des Allerheiligenfestes seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche angeschlagen hatte, damit alle, die am nächsten Tag in die Kirche kämen, seine Einladung zu einer Disputation, einem theologischen Streitgespräch, über die Lage und die Verkündigung der Kirche vorfänden.

Dr. Martin Luther ging es um eine grundsätzliche innere wir äußere Erneuerung seinerKirche, um eine neue grundlegende Hinwendung zum alten Evangelium, zu dem Herrn Jesus Christus, von dem allein jegliche Erneuerung von Kirche und Glauben, so seine feste Meinung, kommen kann. Es ging ihm um die für ihn hochgradig existentielle Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wie kann ich vor Ihm bestehen, wenn es um Sein oder Nichtsein geht?“ Er hat zutiefst darum gerungen, bis er für sich im Wort Gottes die Antwort fand, die, wie er selbst sagte, ihm so wesentlich war, dass er jetzt wie durch die Pforten des Paradieses gehen konnte. Und natürlich, liebe Gemeinde, steht für uns als evangelische Christen heute Abend die Frage im Raum, welche Relevanz, ja Lebenskraft die Erkenntnis von damals in unserem Leben heute noch entfalten kann. Lassen wir uns doch einmal herausfordern, ja vielleicht sogar provozieren, durch 2 Verse aus dem Brief des Apostels Paulus an seine Gemeinde in der Handelsmetropole Philippi, die uns als Predigttext für den heutigen Abend am Reformationstag gegeben sind: Lassen Sie uns des Erbes der Reformation gedenken und auf das Wort Gottes hören.

Philipper 2,12-13: „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern, denn Gott ist es, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen“. Unglaublich, liebe Gemeinde , welch ein Thema in einer Zeit, als alles andere lebensrelevante Fragen zu sein scheinen, aber bitte doch nicht das Ringen ums Seligwerden, ums ewige Heil. Wie narzisstisch, wo doch weit weniger als die Hälfte aller Bundesbürger überhaupt noch an ein Leben nach dem Tode glaubt. Geht es also in der Tat nur noch um das berüchtigte Schattenboxen der ewig Gestrigen? Rettung – Furcht – Zittern, nein: bangemachen ist nicht erlaubt. Das ist Mittelalter, aber bitte nicht im 21. Jahrhundert. Wenn Gott heute noch, dann hat Er sich bitte nach unseren Vorstellungen auszurichten, und das heißt uns Gutes zu tun, ohne Wenn und Aber, immer nur Gutes. Längst hat es sich bei einer großen Mehrheit der Menschen in Gesellschaft und Kirche als alte Wahrheit „Gott ist Liebe“ in eine veräppelnde Karikatur vom sog. „lieben Gott“ gewandelt. Wenn Gott, dann, das wird zumindest erwartet, im Kontext einer Wohlfühlreligion die uns so ein frommes Schaumbad in dem ermöglicht, was uns unbedingt guttut. Nein, Gott sei´s gedankt, wir stehen nicht mehr am dunklen Abgrund von versklavender Sünde und drohendem Verlorengehen, wir doch nicht, wir wandeln als aufgeklärte Zeitgenossen in der Postmoderne nur noch auf sonnigen Auen, umhüllt von Gottes Segnenmüssen und umgeben von permanentem Schulterklopfen Gottes „Du bist gut, Du bist Spitze, Du bist geliebt!, Du…weiter so!“ Jawohl allein der gnädige Gott, wenn überhaupt, hat ganz vielleicht noch eine Chance, wenn er sich gut benimmt, funktioniert, so, wie wir es von ihm doch schließlich erwarten. Den zornigen Gott, den Luther und auch Paulus noch vor Augen hatten, den Heiligen, den haben wir, wie wir meinen, doch völlig zu Recht längst aus den Augen verloren. Wer von uns wagte es dennoch im Blick auf Gott, wie der Apostel Paulus, Begriffe wie „Furcht und Zittern“ zu verwenden? Lieber Paulus: „Bangemachen zieht bei uns nicht mehr – ewiges Heil ist für uns ein Selbstgänger, basta. Schließlich sind wir doch alle getauft, oder?“ Uns bewegen existentiell heute völlig andere Fragen: Ist unser Geld noch sicher angesichts einer sich verschärfenden Wirtschaftslage in den EU-Staaten und einer äußert zweifelhaften Geldpolitik der Europäischen Zentralbank? Ist das Rentensystem im Blick auf die mit immer größerer Geschwindigkeit tickende demographische Zeitbombe noch lange zu halten? Werden wir das Abschmelzen der Polarkappen im Norden wie im Süden noch abbremsen können? Und wird der Wahnsinn des Terrors eines unmenschlichen Systems des IS immer weiter ums sich greifen? Und persönlich: Wie gehe ich mit meinen Zerrissenheiten, meinen Frustrationen, meiner Sinnleere, meinen Ängsten, meiner Einsamkeit um? Wie kann ich mein persönliches Glück über die Zeit retten? Alles selbstverständlich hoch relevante Fragen.

Und hier der Paulus mahnend, warnend, ihm erscheint das existentiell wichtig. Freunde, wer nicht mehr ermahnt, einen bedenklichen Weg zu korrigieren versucht, der hat kein Interesse am anderen mehr, der hat ihn innerlich schon längst abgeschrieben. Paulus aber ist es brennend wichtig, dass seine Mitchristen das Heil, die ewige Gemeinschaft mit seinem und ihrem auferstandenen Herrn erringen, für ihn ging es hier um Alles oder Nichts. So ist es, liebe Gemeinde und darum gibt es letztlich wesentlich auch dieses Gotteshaus, die Petruskirche, den Verein zur Erhaltung dieser Kirche , dass in ihr das einzigeine Evangelium verkündigt wird, die letzten und entscheidenden Menschheitsfragen, die Gottesfrage, die Sinnfrage, die Lebens- und die Zukunftsfrage verhandelt werden und zwar vor der letzten und allein entscheidenden Instanz.

Deshalb redet der Apostel mahnend, warnend von Furcht und Zittern, vom ewigem Leben, eben auch von der Möglichkeit des Verlorengehens, deshalb bricht mit 22 Jahren ein Martin Luther seine juristische Karriere gegen des Willen seines Vaters ab und tritt ins Erfurter Augustinerkloster ein, um für sich eine tragende Antwort auf die Gottesfrage zu finden, um die Sicherheit zu finden, in Zukunft auf ewig bei Gott sein zu können. Doch dabei muss er schnell feststellen:“ Nein, selbst das Kloster ist nicht der Weg! Ich schaffe es einfach nicht. Ich geh verloren!“- Freunde, wo werden solche Fragen selbst in der Kirche heute noch ansatzweise bewegt? Heißt mitgliederfreundlich solche Fragen an den Rand zu drängen? Wie finde ich einen gnädigen Gott? Wer schon einmal nächtelang in großer Sorge um ein geliebtes Leben war, so völlig hilflos dastehend, ganz und gar ohnmächtig, nicht wissend, wie sich die nächste Stunde entwickeln wird, der ahnt zumindest, was Furcht und Zittern heißen kann, da geht’s wirklich ans Eingemachte. Aber im Blick auf die Ewigkeit? Für Paulus ist es die alles entscheidende Wahrheitsfrage: „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“. Nein, nein, diese Frage lässt sich nicht mit der Bemerkung: „Typisch Spätjudentum, 1. nachchristliches Jahrhundert“ abtun.

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies scheinen die Fragen des modernen Menschen, der sich längst aus den tragenden Händen Gottes herausgewunden hat, nicht gerade kleiner geworden zu sein gegenüber denen in den Tagen eines Paulus oder auch Martin Luthers; den Frieden in sich, geschweige denn auf Erden, findet der Mensch nicht, sondern sieht sich vielmehr zunehmend als Ein-Weg-Produkt mit darauf folgendem Ex und Hopp. Das bleibende Glück, die tiefe Zufriedenheit rückt dabei wohl immer in größere Ferne, denken wir nur an die immer noch im Steigen begriffene Scheidungsrate und die absolut nicht weg zu diskutierende hohe Abtreibungsrate, und das in einem Wohlfahrtsstaat par excellence. Und was haben wir jungen Menschen an bleibenden Werten auch als Kirche anzubieten? Ich denke an Albert Camus, den großen französischen Existenzialisten, der nach langem Nachdenken in seinem berühmten Roman „Der Fall“ deutlich macht: „Ach, lieber Freund ohne Gott und Meister ist die Last der Tage fürchterlich. Man muss sich einen Meister suchen; denn Gott ist nicht mehr Mode“. Der Himmel ist leer und die Erde bietet eben nicht die letzte Erfüllung. Und wehe denen, die die von uns im Blick auf Klimawandel und Schuldenberg eingebrockte Suppe einmal auslöffeln müssen. Wir brauchen auch als Kirche Positionen, unbedingt.

Liebe Gemeinde, hören wir endlich auf zu meinen, ein Paulus hätte die weltbewegenden Fragen nicht gekannt. Er war ein Meister des Denkens, brillant und mit aller Konsequenz hatte er alle entscheidenden Fragen gestellt. Er war Kaisern und Philosophen allererster Klasse begegnet, aber er war eben auch in einer äußerst existenziellen Situation dem gekreuzigten und auferstandenen Christus begegnet, und er wusste, dass Gott ist und nur in ihm die letzten Lebensfragen einer tragfähigen Antwort zugeführt werden können.

Liebe Gemeinde, Gott ist und nur in ihm finden wir die Wahrheit, die auch für unser Leben die letztlich allein alles Entscheidende ist. In Ihm, nicht wie wir Ihn uns zurechtlegen, wie wir Ihn gerne hätten, sondern wie ER ist. Ihn brauchen wir auf Gedeih und Verderb, soll unser Leben sich nicht im Nichts verlieren. Nur wenn Gott, und zwar der heilige und allmächtige Gott, der Unnahbare und von uns zu keinem Zeitpunkt Verfügbare, sich uns zuwendet, finden wir den archimedischen Punkt, von dem aus alle Dinge, die ganze Welt und mein ganz persönliches Leben alleine zu verstehen sind, den Punkt, wo der Einzelne zu seinem Ursprungs- und Zielpunkt zurück findet und letztlich erst dadurch den Anderen verantwortlich in den Blick nehmen kann. Gott ist die Quelle allen Seins, letzte Wahrheit für mein und aller Leben. Wer Gott verloren hat, der verliert über kurz oder lang den Sinn seines Lebens und damit sich selbst, und zwar viel schneller als ihm das lieb sein mag. Deshalb : „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“. Hört endlich auf zu meinen, dass ihr im „Immer- Strebend- sich- Bemühen“, im ‚Üb immer Treu und Redlichkeit‘ euch den Himmel, Gottes Gnade und Barmherzigkeit erkaufen könnt. Aber nehmt Gott neu in den Blick- die Gottesfrage ist keine ’so nebenbei auch noch‘, sondern die Lebensfrage schlechthin. Um diese Frage nach dem gnädigen Gott für sich zu klären, hat ein Martin Luther alles investiert, mit ganzer Leidenschaft und Hingabe. „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“. Luther wusste, was das heißt. Er sagte: „Wahr ist, ein frommer Mönch bin ich gewesen und habe mich so streng an alles gehalten, dass ich sagen darf: „Ist je ein Mönch in den Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich hineinkommen“. Doch dann musste er erkennen, dass selbst mit allem Schaffen mit Furcht und Zittern, mit allem Einsatz für den Mitmenschen, allen humanen Aktionen und Werken der gelebten Nächstenliebe, so hoch sie auch immer einzuschätzen sind, mit allem Einhalten von moralischen Werten und religiös besten Vorsätzen, ja mit Spenden und Fasten, sogar mit Gebet, Bibel lesen und Gottesdienstbesuch vor Gott kein einziger Blumentopf zu gewinnen ist. Ohne Glauben sind alle guten Werke tot, oder wie Luther es noch drastischer erkennen musste: „Jedes gute Werk ist Sünde, wenn es nicht aus dem Vertrauen auf Jesus Christus kommt, sondern aus dem eigenen Willen, der nach Ehre und Verdienst sucht“. So wenig der Turmbau von Babel den himmlischen Thron erreicht hat, so wenig vermögen selbst unsere gelungensten Anstrengungen uns die Himmeltore zu öffnen. Hören wir endlich auf, mit allen Heiden den Weg von unten nach oben zu gehen, hören wir auf, die Trommel der Selbsterlösungsmaschinerie zu rühren. „Denn Gott ist´s, der in uns wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ Wir brauchen Christus; ER allein ist es, in dem und durch den Gott alles getan hat, was zu unserem Heil nötig ist. Mit unseren Anstrengungen können wir nichts hinzutun. Erlösung kommt allein von ihm, niemals durch uns. „Mit unserer Macht ist nichts getan“.

An einer gefährdeten Stelle bei der Sundy- Bay in Kanada, wo schon viele Menschen ertrunken waren, wachte nun ‚Great Jack‘, ein großer starker Mann, um Gefährdeten das Leben zu retten. Eines Tages wurden wieder Hilferufe laut. In den schäumenden Wogen sah man einen verzweifelt und wild um sich schlagenden Mann. Er verschwand in den Wellen, tauchte auf, versank wieder und kämpfte um sein Leben. ‚Great Jack‘ stand am Ufer und rührte sich nicht: „Warum springt er nicht hinein und rettet ihn?“ fragten entsetzt die Leute, die herbei geeilt waren. Zum 3. Mal tauchte der Mann auf, völlig erschöpft. Er hatte aufgehört zu kämpfen. Nun und zwar sofort sprang wiederum ‚Great Jack‘ in die Wellen und brachte den Ertrinkenden in Sicherheit. ‚Great Jack‘ wusste, wie ein Ertrinkender gerettet werden muss. Er muss aufgehört haben, sich selbst retten zu wollen.

Erst, als Luther erkannte, dass „allein Gott es ist, der das Wollen und Vollbringen“ schenkt, dass er sich nur an Jesus, den Christus, zu hängen brauchte, der alles für ihn getan hat, ist er ins Licht der Sonne gesprungen. Als er begriff, dass Gott die entscheidende Kugel schiebt, da wusste er, dass nicht er den Karren allein aus dem Dreck zu schieben bräuchte, im Gegenteil. Nein, da hat er nicht etwa seine Hände in den Schoß gelegt, im Gegenteil. Er hat viel, enorm viel gearbeitet und erst so richtig losgelegt. Mit Predigen, Schreiben, mit Bekennen und Lehren, Verhandeln und Übersetzen, aber er hat sich eben nicht eingebildet, dass davon sein Heil abhängig wäre, sondern aus Dankbarkeit und Liebe: Gott vergibt nicht Pluspunkte nach Können, Wissen und Haben, sondern er vergibt vielmehr unsere Minuspunkte nach seiner Liebe und Gnade um Christi Willen. Er, Jesus, ist der allein entscheidende Pluspunkt in unserem Leben. Auf den kommt alles an. Solus Christus! Ohne IHN sind wir nichts!

Auch wir, liebe Gemeinde, können uns nicht selbst erlösen. So wie ‚Great Jack‘ mit der Rettung des Ertrinkenden wartete, bis dieser zu kämpfen aufgehört hatte, so wartet unser Gott auf den Augenblick, wo wir einerseits die Notwendigkeit unserer Rettung und andererseits unsere eigene Ohnmacht erkennen. Neues und bleibendes Leben kann uns nur durch Christus geschenkt werden. Und ER möchte nichts lieber tun als dies. Soll mein Leben nicht in einer letzten Verlorenheit enden, muss ich Gott an und in mein Leben heran- bzw. hineinlassen. Wer mit Furcht und Zittern vor Gott tritt, zeigt nichts mehr vor an eigenen Werken, er erwartet alles von Christus: „Das ist mein Schmuck- und Ehrenkleid“, so heißt es in unserem Gesangbuch, „damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.“ Nur, wo von Gott alles erwartet wird, da ist Leben und Zukunft zu finden. Wo Gott alles schafft, das Wollen und Vollbringen, da darf ich aufhören mit dem Krampf des Selbermachens und der Selbstbeobachtung. Weg mit dem: „Mit Gottes Hilfe“, es heißt: „in Gottes Kraft!“. Sola Gratia, solus Christus! Er hat das gute Werk angefangen. Er wirds auch vollenden. Seine Ehre hat er dafür verpfändet. „Die Sach ist dein, Herr Jesus Christ.“

Gott, liebe Gemeinde, ist kein alter, lieber Opa mit Bart. Er ist heilig! Dass ER uns in seiner Heiligkeit dennoch liebt, bleibt ein Rätsel seiner Barmherzigkeit. Dass wir die Ewigkeit in seiner Gegenwart gewinnen, ist wiederum Sein Werk. Aber Sein Werk will unseren Gehorsam.

Es ist wie auf jenem Friedhof der Herrnhuter Brüdergemeinde in Nord Schleswig. Auf der großen schmiedeeisernen Pforte, die zum Friedhof führt, steht in klaren Lettern: „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern.“ Und wer dann hindurch gegangen ist, sozusagen ans Ziel gekommen, der stellt mit Erstaunen fest, dass es wahr ist, was auf der Rückseite der Pforte in ebenso großen Lettern geschrieben steht: „denn Gott ist es, der es schafft, das Wollen und das Vollbringen.“ Was uns auf den 1.Blick ein Paradox zu sein scheint, wird dort zu einer Einheit und wir werden es, wenn wir nur wollen, in letzter Klarheit erfassen, was wir jetzt nur schattenhaft erahnen: Dass letztlich Gottes Energie Quelle und Motor all unserer Energie ist. Und wir werden, wie der große Kirchenvater Augustin es sagt: „Stille sein und schauen, schauen und lieben, lieben und loben, an jenem Ende ohne Ende.“ Dann sind wir am Ziel.

Sehen Sie, liebe Gemeinde, und damit wir dieses letztlich für jedes Menschenleben entscheidende Ziel finden, dafür wurde auch dieses Gotteshaus gebaut, damit die Wahrheit des Evangeliums von hier gepredigt werde, wie vor hundert Jahren, so auch in Zukunft. Deshalb der Verein zum Erhalt der Petrus-Kirche und für uns der Wunsch, dass viele, sehr viele hier in dieser Kirche von der Wahrheit des Evangeliums erreicht werden: Gott führe uns durch die Zeiten, aber vor allem aber führe er uns zu sich.