„Jede Krise offenbart, was „da“ ist“

Dieser Satz aus einem Videovortag aus dem Gebetshaus Freiburg setzte mich zu Beginn der sogenannten Corona-Krise auf die Spur, bewusster wahrzunehmen, „was so da ist“.

Ganz unterschiedliche Dinge sind mir seither aufgefallen:

  • Eine Rolle Toilettenpapier hält viel länger, während mein Vorrat an Hefe viel schneller verbraucht wurde, als ich bisher dachte.
  • Warum mein Küchenboden so schnell dreckig ist und der Spültisch voll steht, obwohl keine Besucher kommen, ist mir immer noch ein Rätsel.
  • Festnetznummern funktionieren auch und ich erreiche Personen am anderen Ende der Leitung jetzt öfter.
  • Ich staune über die Schnelligkeit und Übereinstimmung, mit der die Länder weltweit einen ‚Lock-Down‘ durchführen. Globalisierung live.

Ich nehme auch mehr wahr, wie ich auf die veränderte Situation reagiere. Einerseits stelle ich mich darauf ein und schaffe es, die „geschenkte“ Zeit, als ich von der Arbeit in der Schule für ein paar Tage freigestellt werde, zu nutzen:  am Morgen mit einer Tasse Kaffee ohne Zeitdruck Bibel zu lesen, am Abend Gebetsspaziergänge im nahegelegenen Wald „erden“ bzw. „himmeln“ mich:

  • Beim Spazierengehen komme ich am Wasserturm vorbei. Mir fällt das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ ein und begleitet mich.
  • Das penetrante Klopfen des Spechtes erinnert mich an Elia, der von einem Raben mit Essen versorgt wurde (1. Könige 17).
  • Die erwachende Natur zeigt mir Gottes wunderbare Schöpferhand: Was bisher wie tot aussah, schlägt jetzt aus und in kurzer Zeit ist der Wald grün geworden.
  • Die Holtenauer Brücke erinnert mich daran, dass Jesus die Brücke zwischen Gott und Mensch ist. Ohne Jesus gäbe es keine versöhnte Verbindung zu Gott.

Ich freue mich über diese Wahrnehmungen. Der Wunsch, in dieser Situation Gott zu suchen und von ihm zu hören, ist da.

Dann ist da noch die andere Seite, über die ich mich nicht freue: Ich erschrecke über mich selber, als ich eine Gruppe Jugendlicher, die am Seiteneingang der Kirche zusammensitzen, ziemlich hart zurechtweise und sie auf den Abstand von zwei Metern hinweise.

Entsetzt bin ich, als ich höre, dass bei einer Familie das Ordnungsamt vor der Tür steht, weil Nachbarn sich beschwert hätten, in ihrem Garten wären zu viele Kinder.

Ordnungshüterin und Aufpasserin sein, auch das ist da. Soll eine deutsche Eigenschaft sein, höre ich ab und zu. Ich will das nicht, wie kann ich diesen Aufpasser in mir los werden?

Zunehmend wird diese ganze Situation anstrengend, für alle. Mit all den verschiedenen Regeln jeweils richtig zu agieren, gelingt nicht immer. Wenn ich meine, etwas verstanden zu haben, werden die Regeln wieder geändert. Frustrierend. Und manche Regel erschließt sich mir auch nicht.

Ein Gedanke drängt sich mir auf: So muss es sich anfühlen, wenn Menschen in ihrer Beziehung mit Gott nach Regeln leben. Anstrengend, frustrierend und immer mit dem Wissen, ich habe nicht alle Regeln einhalten können. Gott wird mich strafen.

Plötzlich strahlt das Evangelium in seiner ganzen Kraft auf: Ich lebe nicht mehr unter dem Regelwerk des Gesetzes. Christus hat mich davon befreit und mich mit Gott versöhnt. Gott ist mein Vater, ich bin sein Kind (Römer 8, und Galaterbrief).

Jede Krise offenbart, was „da“ ist: das Gute und das Ungute. Ich bin dankbar für all die guten Dinge, die ich bei Anderen und bei mir wahrnehme. Gelassenheit und Stärke finde ich, wenn ich mich an Gott wende. Er ist da, mitten in der Krise und Er bleibt. Er ändert sich nicht. Er ist verlässlich.

Jesus hat das so gesagt: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“ und “ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Zeit.“

Möge diese globale Krise uns näher an Gottes Herz bringen und seine Gnade und Wahrheit uns prägen. Ich meine, dann sind wir auf der sicheren Seite.

Ruth Müller

Gemeindereferentin

P.S. Manchmal hilft auch der Raum einer Kirche, um in Gottes Gegenwart zu kommen. Die Petruskirche ist bis auf weiteres täglich von 17:00-19:00 Uhr geöffnet für persönliches Gebet und Stille.