„Hinter verschlossenen Türen – Gedanken aus einem leeren Gemeindehaus“

Liebe Gemeinde!

Auf einmal ist alles ganz anders. Wer hätte das gedacht? Gott stellt uns alle in unserem Leben vor eine große Aufgabe. Das ist irgendwie neu. Vor dieser Aufgabe stehen nicht Einzelne, nicht Gruppen, sondern ein ganzes Land, ein ganzer Kontinent und eine ganze Welt. Und es gibt darin viel zu lernen, stellen wir fest, auch in der Apostelkirchengemeinde.

Zwei Dinge stehen gerade dabei besonders auf dem „Lehrplan“ in unserer Gemeinde und wabern durch die Luft, so habe ich es jedenfalls in den zahlreichen Mails, Telefonaten und Konferenzen wahrgenommen:

Zum Einen fragen sich viele: Wie ist es theologisch einzuordnen?

In der Sicht der Bibel wird jede Krankheit, jeder Virus, als ein Griff des Todes verstanden, der das Leben zerstören und auslöschen will. Dagegen ist Gott aber immer ein Gott des Lebens und wird darum von seinem Volk absolut selbstverständlich und mit erstaunlicher Kühnheit in Anspruch genommen.

Wir stehen jetzt, genau wie bei jeder anderen Krankheit, vor der Frage, ob nun Protest oder Einwilligung geboten ist. Wir lesen in der Bibel, dass beides seine Zeit hat (siehe Prediger 3). Es muss kein Gegensatz sein. Grundsätzlich äußert sich der Glaube als Vertrauen in die Lebensbejahung Gottes, also als Protest. Aber es gibt auch genauso die Notwendigkeit zur Einwilligung, zum JA sagen zu Grenzen, die uns gesteckt sind. Wir leben hier in dieser Welt eben „jenseits des Garten Edens“. Gott ist noch nicht fertig mit dieser Welt.

Auch aus solcher Einwilligung heraus kann das Leben neu gewonnen werden. Wir haben Menschen in unserer Gemeinde, die in ihrer Krankheit und ihren Grenzen diese Erfahrung gemacht haben:

„Ich habe noch nie so intensiv und dankbar gelebt!“

„Ich konnte jetzt viel besser Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden!“

In Psalm 34, 19 heißt es: „Der Herr ist nahe denen, deren Herzen zerbrochen sind!“ Darin liegt ein tiefes Geheimnis der Gegenwart Gottes innerhalb unseres brüchigen und schmerzhaft begrenzten Lebens. Diese Verheißung nehmen wir genau jetzt in Anspuch, angesichts der vielen geplatzten Träume, Pläne, Einschränkungen und Ängste. Wir sind eingeladen mit unserem zerbrochenen Herzen zu Gott zu gehen.

Insofern willigen wir als Gemeinde in die gut überlegten Maßnahmen der Regierung ein, und unterstützen die Leitung unseres Staates. Wir akzeptieren die Grenzen, die uns gesetzt werden. Es sind ja keine Maßnahmen eines Staates etwa zur Christenverfolgung oder gegen die Gebote Gottes, die unseren Protest und zivilen Ungehorsam brauchen, sondern sie wollen ja gerade Leben schützen und bewahren.

Wir tun das, nebenbei bemerkt, ohne den Hauch eines inneren Vorwurfes an unser Herz, wir seien glaubensschwache Christen, die angstgesteuert vor dem „Corona-Götzen“ ihre Knie beugen.

Dank des Hiobbuches wissen wir auch, dass Corona nicht einfach eine Strafe Gottes ist, dem nun der Kragen mit einer ungehorsamen Menschheit geplatzt ist und der darum die Rute rausholt. Auch wenn das eine verlockend einfache „Glaubens“-Antwort wäre, zeigt uns das Beispiel Hiobs, oder auch Jesus am Kreuz, dass Gottes Gnade mit einer gefallenen Welt viel größer ist und unsere Denklogik sprengt.

Jemand aus unserer Gemeinde erzählte mir, dass er vor elf Tagen bei einem Gottesdienstbesuch in einer anderen Gemeinde demonstrativ per Handschlag mit den Worten begrüßt wurde: „Jesus ist stärker als alle Coronaviren!“ Darin zeigt sich nicht Glaubensstärke, sondern eher die Tendenz, es sich zu einfach zu machen und zu verneinen, dass Gott uns die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln in dieser Welt gegeben hat. Verantwortlich zu handeln bedeutet hier ja durch Einschränkungen zu versuchen, medizinisches Personal nicht in Situationen bringen zu müssen, in der es durch eine zu hohe Zahl an Patienten letztlich über deren Leben und Tod entscheiden muss. Das ist in diesem Fall Nächstenliebe.

Zum Anderen geht es um die Frage: Was tun wir als Gemeinde?

Hier suchen wir nach einem Weg des Protestes gegen die Angst unter der Wahrung von lebensschützenden Grenzen. Hier geschieht wirklich viel. Viel mehr als man wahrnehmen kann. Unsere Technik-, Musik- und Websiteteams arbeiten mit unglaublicher Leidenschaft an unseren Online-Gottesdiensten. Die Rückmeldung auf den letzten Gottesdienst hat uns alle in demütiges Staunen versetzt. Der heilige Geist macht hier ungebremst sein Ding und wirkt auf tröstliche und mutmachende Weise. Zu erleben, wie hier hinter den Kulissen getüftelt und gefeilt wird, ist wirklich stark. Ralf im Büro behält dabei in besonnener Weise viel im Blick.

An die Menschen in den Seniorenkreisen unserer Gemeinde haben wir uns gewandt. Frau Engel und Ehepaar Kaufmann haben Leute in den Blick genommen und direkt Hilfe angeboten. Bisher kommen die Meisten klar. Aber sie waren gerührt darüber, dass die jüngeren der Gemeinde bereit sind für sie da zu sein. Etliche aus der jüngeren Gemeinde haben uns kontaktiert und Hilfe angeboten. Auch das ist so ein schönes Zeichen der Liebe und Verbundenheit! Danke!

Aus Rücksichtnahme auf die Bewohner der Wik haben wir die letzten Jahre mittags kein Glockengeläut aktiviert. Dies wollen wir nun ändern. Zumindest um 12 Uhr mittags sollen ab heute von Montag bis Samstag die Glocken unserer Petruskirche zum persönlichen Gebet rufen. Franny gibt dafür wie immer sein Bestes.

Wir erleben auch viel Trost und Ermutigung Einzelner untereinander. Das Leid wird geteilt. Man hat ein Ohr für die Klage der Schwester oder des Bruders. Seelsorge geschieht weiterhin, wahrscheinlich sogar noch umso mehr. Stille Heldinnen und Helden sind hier am Werk.

Menschen beten miteinander per Telefon, oder verabreden sich zu gewissen Zeiten zum Gebet.

Ann-Kathrin musste das Cafe nun schließen, Birgit, Diemut, Kerstin und Tina mussten ErmutICHtKurse absagen, der I-Treff pausiert. Alle sind für Viele ganz wichtige Orte der Gemeinschaft. Gemeinsam haben die Teams darüber erst gerungen und dann auch getrauert.

Ein Schmerz, den auch andere GastgeberInnen unserer Gemeinde fühlen.

In der Jugend gibt es seit vorgestern ein phantastisches mediales, interaktives Angebot von Jesus House jeden Abend, zu dem die Jugend unserer Gemeinde sich abends virtuell versammelt.

Außerdem legen wir auch Dinge auf Eis. Wir werden nicht mit allem fertig und Perfektion erreichen wir schon gar nicht.  Aber wir versuchen humpelnd dem Ziel näher zu kommen. In der Hoffnung und in dem Trost, dass Josua beziehungsweise Jesus, der Anfänger und auch Vollender unseres Glaubens, uns zur Seite eilen wird und uns stützen wird. (Siehe https://www.youtube.com/watch?v=t2G8KVzTwfw aus der Predigt vom 15.3.)

Habt ihr in dem Video gesehen, wie sich dieser Vater durch niemanden hat davon abhalten lassen, seinen Sohn ins Ziel zu bringen? So ist Gott zu uns. Auch jetzt und in dieser Zeit.

Gott segne euer Tun und Lassen

Euer Pastor Lutz Damerow