„Gott sucht den Menschen“

OK…worum geht’s da …“Die Bibel spricht nicht nur von der Suche des Menschen nach Gott, sondern auch von Gottes Suche nach dem Menschen …“ Abraham J. Heschel „Eine Philosophie des Judentums“… das klingt interessant, da werde ich wohl viel über den geistigen Nährboden des Juden Jesus erfahren. Und schon war auf dem Flohmarkt das Buch gekauft.

Aber im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass es mir „gegeben wurde“. Warum? Es hat mich geistlich aufgeweckt, besonders zu meinen Fragen und meinem Suchen nach Gott. Er schreibt so sehr anders über Gott.
„… Es gibt aber kein Denken über die Welt ohne die Voraussetzung, dass die Welt wirklich existiert; ebenso kann es kein Denken über Gott geben ohne die Voraussetzung der Realität Gottes. … Je tiefer wir darüber nachdenken, desto sicherer sind wir, dass die Frage, die wir stellen, eine Frage an uns ist;
die Frage des Menschen nach Gott ist eine Frage an den Menschen.“

Kennt ihr das, das Texte oder besser gesagt seine Inhalte einen völlig einnehmen, erstaunen, man einen neuen geistigen/geistlichen Denkraum betritt? Abraham J. Heschel ist für mich einer der „Eingeweihten“, einer der in seinem Glauben tief verankert ist, der Zugang hat zu geistlichen Erkenntnissen und den Weg dorthin aufzeigen kann. Er wurde1907 in Warschau geboren und musste nach Amerika immigrieren. Er war dort ein anerkannter Meister der amerikanischen Rabbiner, ein jüdischer Theologe „von enormer Bedeutung für alle, die sich Menschen nennen und Menschen sein wollen.“

Aber da ist noch jemand, der mich beim Lesen begleitet. Überall sind Anmerkungen, Unterstreichungen, farbige Textmarkierungen. Eigentlich mag ich solche Bücher nicht so sehr und radiere Anmerkungen oft weg, damit sie meinen Lesefluss nicht wie ein Staudamm ausbremsen.
Aber hier ist es anders, da hat jemand (eine Frau, Theologin?), so klug und begeistert farbig und mit dickem Stift Texte angemarkert und kurz kommentiert, dass ich beim Lesen Laune hatte, mich mit ihr auszutauschen und habe das Buch öfter nach ihrem Namen abgesucht oder nach einer Widmung. Gern hätte ich gewusst, wer sie ist und noch lieber würde ich mich mit dieser Unbekannten austauschen.

Ich gebe euch ein Beispiel:

In deinem Licht sehen wir das Licht“ (Ps 36,10). In jeder Seele ist göttliches Licht; es schlummert und verfinstert sich durch die Torheit dieser Welt. Wir müssen das Licht erst wiedererwecken, dann wird auch das Licht von oben strahlen. „Durch das Licht, das in uns ist, werden wir das Licht schauen“ (Rabbi Aron von Karlin).

Ihr Kommentar: „Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.

Zack, nach 100 Seiten jüdischen Denkens über die Bibel, Offenbarung, Propheten etc. dockt sie Jesus an und macht klar: ER ist der Weg zum Licht des Lebens! Da war ein Moment des Erstauntseins und der Freude.

Auch über das Erstaunen hat A. J. Heschel wunderbare Dinge gesagt: “Der Weg des Glaubens führt durch Staunen und radikale Verwunderung. … Wahrnehmung des Göttlichen beginnt mit Staunen…“

Komm und schaue die Werke Gottes,
Erhaben in Seinem Walten mit den Söhnen der Menschen“ (Ps 65,5)

Es soll hier keine Buchinterpretation werden. Ich wollte euch nur ein Stück mitnehmen in mein Tun in einer Phase, in der ich ein wenig mehr Zeit hatte, um sich zu vertiefen…hier ins Lesen/Meditieren.

Die ganze Erde ist voll von seiner Herrlichkeit, aber wir erkennen sie nicht; … Das Entscheidende ist aber nicht, dass wir sie erkennen, sondern die Gewissheit, dass wir von ihr erkannt werden.“

Ich gehe oder liege, so bist Du um mich.
Du siehst alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
dass Du, Herr, nicht alles wissest.
Wo soll ich hingehen vor Deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist Du da,
bettete ich mir in der Unterwelt, sieh, so bist Du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte
Und bliebe am äußersten Ende des Meeres,
so würde mich doch Deine Hand dort führen
und Deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Sicher soll die Dunkelheit mich verhüllen,
und das Licht um mich her soll Nacht sein,
so scheint die Nacht doch wie der Tag,
und Finsterns ist wie Licht“ (P 139,3-4.7-12).

Franny, 12.5.2020